6.
Jonas Harrington hörte ruhig zu, als Sarah ihm von den Ereignissen berichtete, die sich in der vergangenen Nacht zugetragen hatten. Seine finstere Miene verhärtete sich sichtlich, während er sie ausreden ließ. Dann warf er einen Blick auf Kate und Abbey. »Warum bin ich letzte Nacht nicht verständigt worden? Ich hätte vielleicht etwas unternehmen können. Verdammt noch mal, Sarah, wo hast du deinen Kopf? Das hätte dich das Leben kosten können!«
»Hat es aber nicht. Ich habe das Gewehr für dich aufbewahrt, in der Hoffnung, dass du Fingerabdrücke darauf findest, aber das möchte ich stark bezweifeln.« Sarah lächelte ihn an.
Jonas schüttelte den Kopf. »Tu das nicht. So lächelst du mich schon an, seit wir zusammen im Kindergarten waren. Damit kommst du immer durch.« Er deutete auf ihr Gesicht. »Sieh sie dir ganz genau an, Damon, denn dieses Lächeln wirst du jedes Mal wieder zur Antwort bekommen, wenn sie etwas getan hat, was dir nicht passt.« Er beugte sich auf seinem Stuhl vor und bedachte Sarah mit einem vernichtenden Blick. »Was ist mit deinen Schwestern? Hast du vielleicht einmal daran gedacht, dass diese Leute eine Gefahr für deine Schwestern darstellen könnten, wenn du sie provozierst?«
Wütend erhob er sich. Jonas war ein großer, kräftiger Mann, der sich wie eine Raubkatze bewegte und unruhig in dem geräumigen Wohnzimmer auf und ab lief. »Diese Männer sind Profis. Das wisst ihr alle beide. Was auch immer du getan hast, Damon, um dir das einzubrocken ...«
»Er hat nichts verbrochen, sondern an einem streng geheimen Projekt gearbeitet, Jonas. Es geht um nichts Illegales. Mit Rauschgift hat es auch nichts zu tun, das kannst du dir gleich wieder aus dem Kopf schlagen.«
Damon lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Er war hin- und hergerissen zwischen seiner Sorge, weil er die Drake-Familie in Gefahr gebracht hatte, und seiner Freude darüber, dass Sarah ihn in Schutz nahm. Sie hatte sich sofort in eine todesmutige Tigerin verwandelt, die zum Sprung bereit war, falls der Sheriff weitere Zweifel an seinem Charakter anmelden sollte.
»Ich will wissen, mit wem wir es hier zu tun haben. Und fang bloß nicht an, mit Worten wie Unbedenklichkeitsbescheinigung« um dich zu werfen. Wenn mehrere Männer bereit sind, mit einem Gewehr in ein Haus einzubrechen ...«
»Sie hatten es mit Betäubungspfeilen geladen«, unterbrach ihn Sarah hastig.
»Vor fast einem Jahr bin ich gemeinsam mit meinem Assistenten gekidnappt worden. Meinen Assistenten haben sie getötet und ich bin mit knapper Not mit dem Leben davongekommen.« Als Damon sprach, fiel ein dunkler Schatten in das Zimmer. Draußen donnerten die Meereswogen und sprühten Gischt in die Luft. »Sie wollten Informationen haben, die die Sicherheit unserer gesamten Nation beeinträchtigen könnten, und ich habe mich geweigert, ihnen diese Informationen zu geben.« Damon strich sich mit einer Hand über das Gesicht, als wollte er einen Alptraum fortwischen. »Ich weiß, dass es melodramatisch klingt, aber ...« Er knöpfte langsam sein Hemd auf, um seine Brust und die Narben zu entblößen, die dort zurückgeblieben waren. »Ich möchte nur, dass Sie wissen, wie diese Menschen sind, mit denen wir es hier zu tun haben.«
Der Schatten wurde länger und wuchs an der Wand hinter Damon. Langsam begann er Gestalt anzunehmen, grau und durchscheinend, aber dennoch deutlich vorhanden. Sein Umriss zeichnete sich immer klarer ab, bis ein gesichtsloser Ghul mit ausgestreckten Armen und einem langen, dürren Körper zu erkennen war. Sein Rachen klaffte weit auf, eine Geste der Gier und des heftigen Verlangens. Die Arme hätten sich nach Damon oder auch nach Jonas ausstrecken können.
Damon wich vor Jonas zurück. Ein gequälter Ausdruck huschte über sein Gesicht und seine Schultern versteiften sich wie unter einer schweren Last.
Hannah streckte alarmiert die Hände aus und riss Jonas quer durch das halbe Zimmer, um ihn vor Unheil zu bewahren. Jonas fluchte leise vor sich hin und baute sich energisch vor ihr auf, weil er glaubte, sie versuchte, ihn aus dem Haus zu werfen.
Sarah verstellte die Jalousie am Fenster, damit kein Licht mehr eindringen konnte. Dann kehrte sie an Damons Seite zurück und berührte ihn zart. Das war alles. Eine federleichte Berührung. Sie legte lediglich ihre Hand auf seine und doch zog plötzlich Frieden in ihn ein, während er sein Hemd wieder zuknöpfte. Die entsetzliche Last, die ihn ständig niederzudrücken und in den Boden zu stampfen schien, wurde leichter.
Kates Augen füllten sich mit Tränen und ihre Finger pressten sich auf ihren Mund.
Abbey verließ das Zimmer und kam mit einer Tasse Tee zurück. »Trink das, Damon«, sagte sie. »Es wird dir schmecken.«
Schon allein das Aroma verstärkte die wohltuende Berührung, mit der Sarah ihn besänftigt hatte. Er kam gar nicht erst auf den Gedanken, Abbey zu fragen, wie es ihr gelungen war, innerhalb von Sekunden den heißen Tee zuzubereiten.
»Ich könnte auch eine Tasse Tee gebrauchen«, sagte Jonas, »falls es jemanden interessiert. Und eine Spur von gesundem Menschenverstand in diesem Haus wäre ebenfalls wohltuend. Das Babypüppchen wollte mich zur Tür rausschmeißen und ihr alle habt seelenruhig zugesehen.«
»Ich koche dir einen Tee.« Hannah lehnte am Türrahmen und blickte zum Sheriff auf. Sie rang die Hände, der einzige Hinweis darauf, wie aufgewühlt sie war. »Wie hättest du ihn gern? Süß? Ich bin sicher, dass mir eine passende Mischung einfällt.«
»Ich glaube, ich verzichte lieber auf den Tee. Eines Tages werde ich es dir heimzahlen, Hannah.«
Sie schnitt ihm eine Grimasse, als er auf die gläserne Schiebetür zuging, um auf die hohen Wogen zu starren. »Mir ist bei dieser ganzen Angelegenheit äußerst unwohl zumute, Sarah. Ich weiß, dass du es gewohnt bist, die Dinge anders zu handhaben, und die Leute haben keine Ahnung, wie du es anstellst. Vielleicht weißt du es selbst nicht. Ich weiß es jedenfalls mit Sicherheit nicht, aber ich setze volles Vertrauen in dich. Es ist nur so, dass ich manchmal intuitiv etwas fühle. Das ist einer der Gründe, die mich für meine Arbeit befähigen.« Er drehte sich zu ihr um und sah sie an. »Und diese Geschichte bereitet mir sehr großes Unbehagen. Ich habe, offen gesagt, Angst um euch alle.«
Einen Moment lang herrschte Schweigen. »Ich glaube dir, Jonas«, sagte Sarah dann. »Ich wusste schon immer, dass du eine Gabe besitzt.«
Seine Blicke schweiften unruhig durch das Zimmer und verharrten kurz bei jeder einzelnen Drake-Schwester. »Ich kenne diese Familie schon seit meiner Kindheit. Private Fehden«, sagte er, und sein schwelender Blick fiel auf Hannah, »sind vollkommen belanglos, wenn es um euer aller Sicherheit geht. Ich denke gar nicht daran, eine von euch an diese Mistkerle zu verlieren. Ich will benachrichtigt werden, wenn sich jemand von euch auch nur den Zeh anstößt. Wenn ihr einen Fremden seht oder ein seltsames Geräusch hört. In dem Punkt verstehe ich keinen Spaß. Ich will euer Wort darauf haben, dass ihr mich bei jeder Kleinigkeit verständigt. Ihr habt meine Privatnummer und meine Büronummer und den Polizeinotruf.«
»Jonas, mach dir keine Sorgen, uns wird nichts passieren. Ich mache meine Arbeit sehr gut«, sagte Sarah mit großem Selbstvertrauen.
Jonas ging einen Schritt auf sie zu und erinnerte dabei sehr an einen Panther, der sich anschleicht. Damon war froh, dass er mittlerweile zu alt war, um sich einschüchtern zu lassen.
Ich will euer Wort daraufhaben. Das Wort von jeder Einzelnen von euch.«
Damon nickte. »Ich muss mich Harringtons Meinung anschließen. Diese Männer haben uns gefoltert. Sie machen Ernst. Ich bin gern bereit zuzugeben, dass es mir in eurer Gegenwart so vorkommt, als läge Magie in der Luft, aber diese Männer sind von Grund auf schlecht und durchaus in der Lage, zu foltern und zu morden. Ich muss wissen, dass ihr alle in Sicherheit seid, denn sonst wäre ich gezwungen, die Stadt zu verlassen.«
»Damon!« Sarah wirkte betroffen. »Sie werden dir folgen, wohin du auch gehst.« Noch schlimmer war, dass er das Mal des Todes mit sich tragen würde, ganz gleich, wohin er ging.
»Dann greift dem Sheriff unter die Arme. Gebt ihm alles, was er braucht, um diesen Männern Einhalt zu gebieten.« Wenn es ihm auch noch so albern vorkam, da er sie gerade erst kennengelernt hatte, war Damon doch der Gedanke unerträglich, Sarah zu verlassen. Andererseits war er aber nicht bereit, ihr Leben in Gefahr zu bringen.
»Ich habe nichts dagegen, dich zu benachrichtigen, Jonas«, sagte Kate bereitwillig.
Abbey hob eine Hand. »Ich bin mit von der Partie.«
Sarah nickte. »Ich bin dankbar für jede Hilfe von Seiten des Gesetzes.«
Alle Blicke richteten sich auf Hannah. Sie zuckte gleichgültig die Achseln. »Ich bin bereit, alles zu tun, was Damon hilft.«
Jonas ignorierte den Groll in ihrer Stimme und nickte. »Ich will, dass ihr alle auf der Hut seid. Beachtet eure Umgebung und jeden Fremden ganz genau. Seht zu, dass diese Hunde immer in eurer Nähe sind, und schließt das Haus ab!«
»Das ist sowieso klar«, stimmte Sarah ihm zu. »Im Ernst, Jonas, mit bewaffneten Männern wollen wir nichts zu tun haben. Wir rufen dich sogar dann an, wenn die Katze miaut.«
Er wirkte ein klein wenig besänftigt. »Ich werde meinen Leuten einschärfen, dass sie öfter als sonst sowohl hier als auch an Damons Haus vorbeifahren und nach dem Rechten sehen, Sarah.«
»Selbstverständlich, Jonas«, stimmte Sarah ihm zu.
»Das wird mir jede Menge Gelegenheiten geben, mich mit ihnen anzufreunden«, sagte Hannah. »Viele Leute, die neu in der Stadt sind, kenne ich noch gar nicht.«
Jonas sah sie finster an. »Du mit deinem aufreizenden Körper wirst dich von meinen Deputies fernhalten.«
Hannah schnitt ihm eine Grimasse und hob eine Hand, um sich das Haar aus dem Gesicht zurückzustreichen. Ein eisiger Windstoß fegte durch das Zimmer. Die Vorhänge gerieten in Bewegung, setzten zu ihrem makabren Tanz an, flatterten und wehten Jonas entgegen, als wollten sie ihn in ihren dichten Falten einschnüren.
Sarah erhaschte einen Blick auf einen dunklen Schatten, der sich innerhalb der Vorhänge bewegte. Sie hob ihre Hände und ließ sie lässig und anmutig durch die Luft gleiten. Kate und Abbey schlossen sich ihr sofort an, jede mit ihren eigenen sachten Bewegungen. Der Wind legte sich abrupt und die Vorhänge hielten still.
Damon räusperte sich. »Möchte mir zufällig jemand erzählen, was hier gerade vorgefallen ist?«
Jonas schüttelte den Kopf. »Sei niemals so dumm, von einer von ihnen eine Erklärung zu verlangen, Damon. Wenn du Pech hast, bekommst du sie, und dann kriegst du graue Haare.« Sein Blick fiel auf Hannah. »Schlag dir das gleich wieder aus dem Kopf. Meine Damen, ich finde allein zur für.«
Damon ließ Sarah keinen Moment lang aus den Augen. Sie sah Hannah an und ihr Blick war vorwurfsvoll. Aus dem Augenwinkel konnte er wahrnehmen, dass auch Abbey und Kate Hannah vorwurfsvoll ansahen.
Hannah rang entnervt die Hände. »Ich habe mir nichts dabei gedacht, okay? Tut mir leid.«
Das Schweigen zog sich in die Länge. Die Luft war zum Schneiden und voller Missbilligung.
Hannah seufzte. »Es tut mir wirklich leid. Ich habe einen klitzekleinen Moment lang das Mal vergessen, das...« Sie ließ ihren Satz abrupt abreißen und ihr Blick fiel auf Damon.
Ihr wisst schon, diese andere Geschichte, mit der wir es hier zu tun haben. Es wird nicht wieder vorkommen.«
»Das kann ich dir nur raten«, sagte Sarah. »Du kannst es dir nicht leisten, es auch nur für einen einzigen Moment zu vergessen. Das ist zu gefährlich, Hannah.«
»Moment mal«, mischte sich Damon ein. »Falls es zufällig um mich und um diese Männer geht, die letzte Nacht da waren – ich will nicht, dass eure Familie in irgendeiner Weise in diese Geschichte hineingezogen wird.«
»Die Männer?« Kate zog eine Augenbraue hoch. »Aber nein, Damon, an die habe ich schon gar nicht mehr gedacht. Es gibt weitaus gefährlichere Dinge als menschliche Wesen.«
Er sah die langen, vielsagenden Blicke, die die vier Frauen miteinander austauschten, und er war aufgebracht. Sie wussten etwas, was er nicht wusste. Etwas, was ihn betraf. »Ich kann verstehen, warum der arme Harrington derart frustriert ist. Ihr macht es ihm wirklich nicht leicht.«
Sarah stand auf und warf ihm eine Kusshand zu. »Er liebt uns alle sieben. Aber er plustert sich nun mal gern auf.«
»Er war echt und ehrlich besorgt«, sagte Damon. »Und das bin ich auch. Die Dinge, die er gesagt hat, waren einleuchtend. Es ist schon schlimm genug, mir vorzustellen, du könntest in Gefahr schweben, aber ich möchte auf gar keinen Fall deine Schwestern auch noch in diese Geschichte hineinziehen.« Er fuhr sich aufgeregt mit einer Hand durch das Haar. »Diese Verantwortung kann ich nicht übernehmen.«
Zu seinem Entsetzen lachten sie alle schallend. »Damon.« Sarahs Stimme klang belustigt und zärtlich zugleich. »Wir haben schon vor sehr langer Zeit akzeptiert, dass wir selbst die Verantwortung für unsere eigenen Entscheidungen tragen. Wir sind erwachsene Frauen. Wenn wir beschließen, uns auf Probleme einzulassen, dann akzeptieren wir auch die Konsequenzen.« Sie beugte sich zu ihm vor.
Abbey stöhnte dramatisch. »Sie wird es tun. Sie wird ihn vor unseren Augen küssen.«
»Das ist eine schreiende Ungerechtigkeit«, protestierte Hannah.
»Macht schon«, spornte Kate die beiden an. »Ich muss unbedingt eine gute Liebesszene schreiben.«
Als Sarah zögerte und ihr Blick sich in seinem verlor, nutzte Damon die Gelegenheit und machte seine Sache gründlich, da er Kate nicht enttäuschen wollte.